"Er will jetzt kein Kind." – Tagebuch einer Frau im Schwangerschaftskonflikt (3)

Es wird noch Jahre dauern, bis Feli* und Alex so viel verdienen werden, dass an Kinder zu denken ist. Jetzt gibt es aber ein Problem: Feli ist in der 8. Woche schwanger...

1. April

 

Liebes Tagebuch,

 

ich kann heute nichts schreiben, kein Scherz!

 

2. April

 

Liebes Tagebuch,

 

ich habe es gestern Alex erzählt. Ich war danach zu fertig, um den Kuli in der Hand zuhalten, ohne Löcher in Dich zu stechen. Kannst ja nichts dafür! – Davor war ich übrigens doch noch beim Frauenarzt. Irgendwann will frau es halt schon exakt wissen. Und da konnte es mir dann gar nicht mehr schnell genug gehen. Ich habe bei meiner Ärztin angerufen und gesagt, es sei äußerst dringend, und vier Stunden später saß ich dann schon da, die Füße in diesen Steigbügeln, und versuchte, die flackernden Linien und Punkte auf dem Bildschirm als meinen möglichen Nachwuchs zu interpretieren. Die Ärztin konnte das deutlich besser als ich und sie sagte mir klipp und klar: 8. Woche.

 

Zack – da saß ich und starrte auf meine nackten Oberschenkel. Ich musste an so einen blutigen Geburtsfilm denken, also als ich wieder denken konnte. Den hatten wir mal in der Schule gesehen und ich fand den sau eklig, aber meine Mama meinte, dass es eine Frau gar nicht so abstoßend empfindet, wie es im Film gezeigt ist. Eine Mischung aus den schlimmsten Schmerzen und dem Schönsten, was ein Mensch empfinden kann, sagte sie damals, und ich dachte nicht weiter darüber nach. Aber jetzt ist es mir halt wieder eingefallen. Und ich musste an Alex denken. Der saß gerade in anorganischer Chemie, also in der Vorlesung dazu, und hatte von nichts eine Ahnung. Also von Chemie schon, nur nicht von meiner, genauer gesagt UNSERER Situation.

 

Ich kann das zwar zehnmal dick und fett schreiben, aber die Wahrheit ist, so romantisch ist dieses „Unser“ in den letzten Wochen nicht gewesen. Wir haben beide unser Studium, viele Prüfungen, da und dort ein Praktikum, und manchmal noch ein bisschen Leben. Ich weiß nicht, ob Du weißt, was es bedeutet, Chemie zu studieren. Du würdest mir gerade einmal eine Woche als Notizblock für die Vorlesungen reichen. Den ganzen Tag sind wir in der Uni oder im Labor, abends müssen wir lernen, aber das hoffentlich dicke Gehalt gibt es erst irgendwann in vielen Jahren, wenn wir vielleicht mal wieder Tageslicht sehen.

 

Was ich eigentlich sagen will, ich treffe Alex beim Essen in der Mensa, abends manchmal zum Lernen. Und am Wochenende wieder zum Lernen, wenn wir nicht auch mal etwas mit unseren Freunden oder unserer Familie machen wollen. Ja, die gibt es nämlich auch noch. Weißt Du, wann ich das letzte Mal etwas mit Nadine oder mit meiner Mama gemacht habe?! Oder mal schwimmen war, oder einfach mal gar nichts. Einfach mal gar nichts zusammen mit Alex. Das gab es seit Tag x so selten, dass ich es an einer Hand abzählen kann. Ich weiß nicht, ob wir uns überhaupt schon richtig kennengelernt haben?

 

Das war dann auch noch so peinlich! Weil da urplötzlich so viele Fragen auf einmal in meinem Kopf waren, dass meine Ärztin wohl zwei oder drei Anläufe brauchte, um mir mitzuteilen, dass die Untersuchung fertig ist: „Halloooo? Sie können sich wieder anziehen!“ Und dann meinte sie auch noch, weil ich wohl echt verdattert war, dass ich mir überlegen kann, ob ich das Kind bekommen möchte. Irgendwie hat mich das sauer gemacht. Fast hätte ich dort mit den Türen geknallt. Aber sie hat ja recht, wenn man mal ehrlich ist, und dann nach dem Gespräch mit Alex sowieso.

 

Abends nach dem Lernen habe ich es ihm erzählt. Das heißt, Alex hat gelernt, ich habe nur so getan, weil mein Herz wie wild geschlagen hat und das Blut in den Ohren nur so rauschte. Ich kam dann vom Allgemeinen zum Konkreten, weil ich auch nicht wusste, wie ich es sonst sagen soll. „Liebst Du eigentlich das Leben?,“ fragte ich Alex. Der machte große Augen und meinte, ich soll mich mal morgen lieber gründlich ausruhen und vielleicht shoppen gehen. Aber dann merkte er, dass ich es sehr ernst meine. „Natürlich liebe ich das Leben“, sagte er. „Meistens jedenfalls, du doch auch, oder?“ Ich sagte nichts, sondern setzte mich zu ihm und dann flüsterte ich in sein Ohr, dass ich das Leben auch sehr lieben würde.

 

Das hat er dann anders verstanden, als ich es gemeint habe, weil er plötzlich beide Hände unter meinem T-Shirt hatte. Deswegen zog ich seine Hände noch einmal weg und setzte mich auf seinen Schoß und blickte ihm ganz direkt in die Augen. Und dann habe ich gefragt, warum wir, wenn wir das Leben beide so sehr lieben, warum wir es dann verhüten würden. Ich bin fast auf dem Couchtisch gelandet, weil er so schnell aufgestanden ist. Ob ich jetzt total spinnen würde, ob ich jetzt ernsthaft ein Kind haben wolle?

 

Als Alex begriffen hatte, dass die Verhütungsfrage nicht mehr aktuell ist, habe ich in seinem Gesicht gesehen, wie die anstehenden Prüfungen zu einem Minimal-Problem geschrumpft sind. Das wurde dann eine sehr lange Nacht, aber jeder hatte seine Hände ganz bei sich. Überhaupt waren wir dann gefühlsmäßig kilometerweit voneinander entfernt. Alex will jetzt kein Kind. Er hat geweint und gesagt, er wüsste nicht, wie das jetzt gehen soll. Ich habe auch geweint und gesagt, dass überhaupt nichts mehr geht. Aber das Baby einfach wegmachen, das ginge am allerwenigsten. Das könne er nicht verstehen, hat er gesagt, und dann ist er aus seiner eigenen Wohnung gerannt.

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*Namen und Beratungsfälle sind Erfahrungen aus unserem Beratungsalltag nachempfunden. Es handelt sich um fiktive Personen in beispielhaften Situationen.  

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