Selektive Abtreibung (Reduktion)

Selektive Abtreibung (Reduktion)

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Was bedeutet das?

  • Bei einem selektiven Schwangerschaftsabbruch wird ein bestimmtes Kind ausgewählt und abgetrieben.

  • Hierzulande geschieht das meist bei einer Mehrlingsschwangerschaft – z.B. nach einer pränatalen Diagnose bei einem der Kinder. Die anderen Kinder werden weiter ausgetragen.

  • Oft wird eine solche Diagnose erst im späteren Verlauf der Schwangerschaft gestellt. So ist eine selektive Abtreibung meist ein Spätabbruch.

Tipp für Dich: ⚖️ „Selektive Abtreibung: ja oder nein?“ – zum Abtreibungstest

 

Was ist eine selektive Abtreibung?

Bei einem selektiven Schwangerschaftsabbruch wird bei einer Mehrlingsschwangerschaft nach bestimmten Kriterien ein Kind herausgesucht (selektiert), das abgetrieben werden soll.

In manchen Ländern ist ein solches „Abtreibungs-Kriterium“ das absehbare Geschlecht des Kindes. 

In Europa liegt bei einer selektiven Schwangerschaft jedoch in aller Regel eine Mehrlingsschwangerschaft vor, die grundsätzlich fortgeführt werden soll. Hier kann einer der folgenden Gründe für eine selektive Abtreibung vorliegen:

 

1. Pränataldiagnostischer Befund

Ein häufiger Grund ist ein medizinisch auffälliger Befund in der Pränataldiagnostik. Statistisch gesehen besteht bei einer von 20 Zwillingsschwangerschaften nach vorgeburtlichen Untersuchungen der Verdacht, eines oder mehrere der Kinder könnten beeinträchtigt sein. Es wird für einen Schwangerschaftsabbruch dann das Kind ausgewählt, bei dem es zu einem auffälligen Befund gekommen ist.

 

2. Hohe Anzahl von Mehrlingen

Eine selektive Abtreibung wird auch in Betracht gezogen, wenn eine außergewöhnliche Mehrlingsschwangerschaft (Vierlinge, etc.) besteht. Diese ist speziell im Rahmen von künstlichen Befruchtungen keine Seltenheit.

Mit der Zahl der Kinder steigt jedoch das Risiko einer Fehl- oder Frühgeburt an. Dadurch befürchten Ärzte, das Leben aller Kinder könnte in Gefahr kommen. Man hofft daher, durch eine gezielte, also selektive Abtreibung eines oder mehrerer Kinder die Überlebenschancen der übrigen zu erhöhen.

In diesen Fällen sprechen Mediziner auch von einer Reduktion durch Fetozid. Mit Fetozid ist die gezielte Tötung eines oder mehrerer Kinder im Mutterleib gemeint, wodurch die Zahl der Kinder im Mutterleib reduziert wird.

 

Zeitpunkt und Diagnose

Bei außergewöhnlichen Mehrlingsschwangerschaften wird möglicherweise schon in den ersten Schwangerschaftswochen über eine selektive Abtreibung nachgedacht.

Oftmals steht eine selektive Abtreibung aber erst zu einem späteren Zeitpunkt zur Debatte, wenn bei der zweiten großen Organ-Ultraschalluntersuchung ab der 20. SSW die Entwicklung und mögliche Beeinträchtigungen eines Kindes genauer festgestellt werden. Zu diesem Zeitpunkt ist das betreffende Kind häufig bereits lebensfähig.

Aus diesem Grund ist ein selektiver Schwangerschaftsabbruch zumeist eine Spätabtreibung.

Für eine Spätabtreibung muss aber eine medizinische Indikation vorliegen. Das bedeutet, dass nach Einschätzung eines Arztes die leibliche oder seelische Gesundheit der Frau durch das Austragen und/oder Bekommen des Kindes gefährdet wäre. Hier kannst Du mehr zum Thema „medizinische Indikation“ lesen.

ℹ️ Wichtig: Es gibt viele Ärzte, die aufgrund ethischer Bedenken keine selektiven Abtreibungen durchführen.

 

Seelischer Ausnahmezustand

Wenn eine selektive Abtreibung im Raum steht, kann das unzählige Gedanken und Vorstellungen bei der werdenden Mutter in Gang setzen – die Seele befindet sich schnell in einem Ausnahmezustand.

Immerhin sind zu diesem Zeitpunkt meist die „kritischen“ ersten Wochen bereits vorbei, und die Planungen für die Zeit nach der Geburt in vollem Gange. Gleichzeitig wird auch die emotionale Bindung meistens immer tiefer.

Möglicherweise fehlt es an Informationen, wie ein solcher Eingriff überhaupt durchgeführt wird, oder es tauchen quälende Fragen auf, wie die Informationen eingeordnet werden sollen. Erfahrungsgemäß fühlen sich Betroffene manchmal regelrecht erstarrt – auch das ist eine sehr verständliche Reaktion, die eine immense seelische Belastung deutlich macht.

ℹ️ Wichtig: Gerne kannst Du Dich jederzeit an uns Beraterinnen wenden, wenn Du Dir zu diesem Thema Hilfe und Beratung wünschst! Wir sind in dieser Ausnahmesituation gerne an Deiner Seite und begleiten Dich, wenn Du das möchtest. Zum Kontaktformular

 

Ablauf einer selektiven Abtreibung

Je nach Zeitpunkt der selektiven Abtreibung gibt es unterschiedliche Methoden.

In den früheren Schwangerschaftswochen ist eine selektive Abtreibung mit der Methode der Absaugung durch den Gebärmutterhals möglich („transzervikale Aspiration“). Allerdings steigt hier das Fehlgeburtsrisiko für die übrigen Kinder stark an, und die gezielte „Auswahl“ eines bestimmten Kindes ist dabei allerdings nicht möglich.

Ein selektiver Schwangerschaftsabbruch mit Fetozid findet eher nach der 20. Schwangerschaftswoche statt und läuft ungefähr folgendermaßen ab:

  • Bei einer Ultraschalluntersuchung wird das „auffällige“ Kind gezielt gesucht. Geht es um mehrere gesunde Kinder, deren Anzahl reduziert werden soll, wählt der Arzt zumeist das kleinste oder (bei gleich großen Kindern) dasjenige aus, das am leichtesten von der Bauchdecke aus erreichbar ist.
  • Gezielt gibt der Arzt dann durch die Bauchdecke der Mutter mit einer Spritze eine Injektion in die Nabelschnur oder direkt in das Herz des Kindes. Zumeist wird erst ein Schmerzmittel und danach das wirksame Kaliumchlorid verabreicht. Durch letzteres hört das Herz auf, zu schlagen.
  • Danach bleibt das tote Kind in der Gebärmutter. Es wird entweder vom Körper der Mutter absorbiert, oder aber bei der Geburt der Geschwisterkinder mit ausgeschieden. Man verzichtet in diesem Fall bewusst auf das „Holen“ des abgetöteten Kindes, um nicht das Risiko einer Fehl- oder Frühgeburt aller Kinder einzugehen.

⚠️ Da es sich durch die Injektion um einen invasiven medizinischen Eingriff handelt, besteht bei einer selektiven Abtreibung – genau wie bei anderen invasiven Eingriffen – immer auch die Möglichkeit, unbeabsichtigt eine Fehl- oder Frühgeburt auszulösen. So besteht also auch für die Kinder, die zur Welt gebracht werden sollen, ein erhöhtes Risiko.

 

Beratung als wichtiger Schritt

Es sind ganz unterschiedliche Fragen und Gedanken, die auftauchen, wenn die Entscheidung „selektive Abtreibung: ja oder nein“ im Raum steht:

  • Wie soll ich diese Wahl treffen, welches meiner Kinder leben darf und welches nicht?

  • Was passiert mit dem Kind, das überlebt – merkt es etwas davon?

  • Wie soll das gehen mit so vielen Kindern, oder mit einem beeinträchtigtem Kind? Kann ich das schaffen?

  • Und was, wenn es dann zu einer Fehlgeburt kommt und alle Kinder sterben?

Was auch immer Dich in dieser Situation beschäftigt: Du sollst wissen, dass die Entscheidung letztlich bei Dir liegt. Auch wenn die Ärzte etwas Bestimmtes raten, darfst Du Deiner Intuition und Deinem Herzen folgen. Du hast in jedem Fall das Recht auf gute ärztliche Begleitung.

Falls Du Dich dafür entscheidest, alle Kinder zu bekommen, gibt es außerdem verschiedene Hilfen und Möglichkeiten für Unterstützung im Alltag.

Solltest Du direkt betroffen sein, brauchst Du nicht zu zögern, Dir Beratung und Hilfe zu suchen. Ganz in Ruhe darfst Du Schritt für Schritt Deine Gedanken und Gefühle sortieren, um schließlich einen Weg zu finden, zu dem Dein Kopf und Dein Herz ja sagen können.

Gerne unterstützen wir Dich dabei und überlegen mit Dir gemeinsam, wie es nun gut für Dich weiter gehen kann:

Wenn Du möchtest, kannst Du Dich auch mit allen anderen Fragen und Sorgen, die Dich rund um die Schwangerschaft momentan beschäftigen, an uns Beraterinnen wenden. Wir sind gerne für Dich da!

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Quelle:
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) (Stand Juli 2019)

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